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susanne berkenheger / klaus ungerer gbr
Der glossendienst liefert tagesaktuelle satirische Formate an Print- und Onlinemedien: Glossen, Fotowitze, Falschzitate, Kommentare, Kurzgrotesken - was immer den Leser erfreut und die Nachrichtenlage erhellt.
Tageszeitungen beziehen bis zu drei Glossen pro Woche. Sie drucken sie unter dem Namen „Tore Schmitz”. Der schreckt vor keinem Ressort zurück:
Sonntags kommt die EU-Glosse.
> Beispiel: Gähn!
Dienstags kommt die Kulturglosse.
> Beispiel: Weltraumschrott
Donnerstags kommt die Wirtschafts- und Politikglosse.
> Beispiel: Nazi-Norm
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Gähn!(6. November 11)
Als ab und an schlafender Mensch wundert man sich immer wieder, dass andere dieser Gewohnheit offenbar gar nicht so viel abgewinnen können: Die Rede ist von unseren EU-Politikern. Warum schlafen, wenn man auch verhandeln kann? Also verhandeln im Sinne von: Mal gucken, wann dem ersten die Äuglein kurz zufallen? Wo kippen die ersten Gläser durch schlafentzugsbedingte Motorikstörungen um? Wer hat als erstes Schwierigkeiten, sich an ganz einfache Worte wie etwa EU oder Rettungsstrohhalm, äh -trinkhalm, äh, -strohrum zu erinnern. Wann halluzinieren die ersten beseelt aber mit schleppender Aussprache, wie man, aber hallo, gigantische Billionensummen locker gewinnen kann? Und zwar gleich morgen! Fallen von den Stühlen und bleiben schnarchend auf dem Boden liegen, bis Personal herbeispringt und sie dezent auf ihren Stühlen festbindet. Wann endlich - denn langsam wird man selbst schon bisschen müde - wann endlich kommt es zu ersten Verbrüderungsumarmungen, während derer man ein kleines Nickerchen machen kann? Wann müssen die ersten von der Toilette wieder geholt werden, weil sie dort eingeschlafen sind? Wann ist er also endlich erreicht, dieser selige Zustand in dem alle Widerstände und Unterschiede in der Hitze der Nacht wie verdampft scheinen, aber noch keiner ins Koma gefallen ist? Denn dann, und wahrscheinlich nur dann, kann endlich das erstrebte gemeinsame Pamphlet verfasst werden, das viele der Müderen am nächsten Morgen natürlich zutiefst bereuen werden. Tja, mit hochprozentigem Alkohol hätte man dasselbe in Nullkommanix erreicht.
Nazi-Norm(17. November 11)
Der niedersächsische Innenminister Uwe Schünemann (CDU) fordert ein "Qualitätsmanagement" für V-Leute des Verfassungsschutzes. Was das konkret heißt? Wie wir in einem unbestätigten Vier-Augen-Gespräch erfahren haben, geht es derzeit um die Einführung einer ISO-Norm für Neonazi-V-Leute, die NZ-ISO 2396v. Diese Norm ist insofern von entscheidender Bedeutung als schon jetzt abzusehen ist, dass braune Gruppen jedweder Art in Zukunft wohl überhaupt nur noch V-Leute dulden werden, welche nach der NZ-ISO 2396v zertifiziert sind und entsprechende Nachweise vorlegen können. Wie alle ISO-Zertifizierungen muss auch die NZ-ISO 2396v regelmäßig überprüft werden. Entweder von einem zertifizierten Neonazi oder einem Beamten der V-Mann-Zertifizierungsstelle. Momentan liegt die Präferenz darauf, einen zertifizierten Neonazi einzusetzen, da dieser die Qualität des V-Mannes ja am besten einschätzen könne. Deshalb wird derzeit auch fieberhaft an der Entwicklung einer weiteren ISO-Norm, nämlich der für Neonazis (NZ-ISO 2396) gearbeitet. Ein großer Vorteil der flächendeckenden Einführung beider ISO-Normen wäre unter anderem, dass man jederzeit anhand der verteilten Zertifikate erkennen kann, wer aktuell Neonazi und wer aktuell Neonazi-V-Mann ist. In Neonazigruppen wird die neue ISO-Norm allerdings kontrovers diskutiert. Während viele von der Angst beschlichen werden, die dort aufgestellten Nazi-Qualitätskriterien womöglich nicht erfüllen zu können und sich dann gar nicht mehr Neonazi nennen zu dürfen, fürchten andere wiederum, dass schon das Verfahren so bürokratisch wird, das es für viele Neonazis schlichtweg nicht zu schaffen ist.
Weltraumschrott(28. September 11)
Jahrelang haben wir uns ja gefragt, wofür diese ganzen Raketenabschussbehörden gut sind, Nasa und Esa und so. Tun sich immer ganz dicke, reden über Weltraumfahrt, unendliche Weiten, und kommen doch gerade mal ein paar Kilometer von der Erdoberfläche weg - ein kosmischer Witz! Was das Ganze soll, haben wir jetzt erst kapiert: Ohne das nimmermüde Abschießen von Raketen und Satelliten gäb's ja gar keinen Weltraumschrott! Weltraumschrott aber, das muss man einfach mal so sagen, ist der optimale Nachrichtenlieferant, was täte man ohne ihn? Einerseits ist er Hochtechnologie, andererseits hebt er die Umweltverschmutzung auf eine höhere Ebene. Einerseits lässt sich aus seiner Umlaufbahn und seiner Altersschwäche auf den Tag genau berechnen, wann er - busgroß! - auf die Erde treffen wird. Andererseits kann man das ganze wie eine Strafe der Götter präsentieren: Trifft er mich, trifft er dich? Wie viele Sechser im Lotto muss Susi Schmitz haben, ehe ihr ein Weltraumbus auf den Kopf knallt? Der orbitale Müll liefert den kleinen Weltuntergang für zwischendurch, man kann sich drauf freuen, und wenn er runtergerauscht ist, staunt man: Der Weltraumschrott, wo ist er geblieben? Wieso hinterließ er keine Spuren für uns? Der Weltraumschrott bewegt sich von einer unerreichbaren Ferne ins Nichts, und sein Weg wird von lauten Ausrufen begleitet - also, toll. Und tut unterm Strich niemandem weh, nicht mal der FDP kann man die Schuld an ihm geben. Das Allerbeste aber, und deshalb lieben wir ihn ganz besonders: Nach dem Weltraumschrott ist immer vor dem Weltraumschrott, der nächste wird in ein paar Wochen erwartet - hurra!
Die Geheimstudie(Steuerberater Magazin, Juni 2008)
Um der haltlosen Kritik an den angeblich zu hohen Abgeordnetenbezügen entgegenzutreten, hat der Bundestag jetzt eine Geheimstudie durchgeführt, die dem Steuerberater Magazin exklusiv vorliegt. Befragt wurden darin einige hundert Bundestagsabgeordnete nach ihren tatsächlichen monatlichen Aufwendungen, für die sie durch diese „kleine steuerfreie Kostenpauschale von 3720 Euro monatlich" entschädigt werden sollen. Die Ergebnisse alarmieren: 31 Prozent der Abgeordneten müssen monatlich „sehr, sehr viel ausgeben, auf jeden Fall viel mehr als einem erstattet wird", 12 Prozent bezeichneten ihre Ausgaben als „so extrem hoch, dass es einem eh keiner glaubt", und 24 Prozent wird „beim Gedanken an die Summe schwindlig". Nur 0,8 Prozent erklärte: „Weiß nicht so genau, aber sicher schon eher sehr hoch." Konkrete Zahlen, so die Studie, konnten die Abgeordneten aus Verschwiegenheitsgründen nicht nennen. Es habe jedoch Hinweise gegeben wie auf die „Explosion beim Goldpreis, welcher zuletzt dramatisch auch auf das Marktsegement golddurchwirkter Bürovorhänge durchgeschlagen hat." Ein anderer erklärte: „Die Preise für schöne Briefmarken haben sich erst neulich wieder verdreifacht." Ein dritter gab die Schuld der Papierbranche. „Man wagt schon gar nicht mehr, was auszudrucken." Die Studie kommt zu dem Schluss, dass die Kostenpauschale dringend ungefähr verdoppelt werden müsse. Denn ungünstigerweise könne Abgeordneten nicht der sonst übliche Einzelfallnachweis zugemutet werden, weil dies den baldigen Zusammenbruch unserer Demokratie nach sich ziehe.
Der glossendienst erteilt seinen "Segen 2011" für die beste Nachrichtenglosse des Jahres. Teilnahmeberechtigt sind alle Kurztexte, die im Jahr 2011 in einem nachrichtlichen Umfeld (Hörfunk, Print oder Online) erschienen sind und ein nachrichtliches Thema möglichst zielsicher und möglichst lustig verarbeitet haben. Den "Segen 2011" begleitet eine Summe von 500 Euro, als Jury-Präsident amtiert Martin Sonneborn (Redakteur der Satirerubrik SPAM bei "spiegel.de", Mitherausgeber von "Titanic"). Einsendungen werden bis zum 14. Januar 2012 entgegengenommen: Urheberschaft, Medium und Erscheinungsdatum sollen vom Einsender glaubhaft nachgewiesen werden. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. glossendienst- und SPAM-Mitarbeiter können nicht teilnehmen. Der Preisträger wird im Mai 2012 bekannt gegeben.
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Den "Segen 2010" erhielt der Berliner Autor André Mielke für seine Glosse "Terror und Widerstand", veröffentlicht in der Berliner Zeitung am 22. November 2010. In der Endausscheidung setzte Mielkes Glosse sich gegen Texte von Christian Bartel (taz), Karin Grunewald (Kölner Stadtanzeiger), Tillmann Prüfer (Die Zeit),
Alexander Radziwill (eurodecor), Marc Schürmann (FTD) und Markus Wolff (Geo) durch, die eine Vorjury aus 131 Einsendungen ausgewählt hatte. Jurymitglieder waren Georg Behrend und Martin Sonneborn von der spiegel.de-Satirerubrik SPAM sowie Susanne Berkenheger und Klaus Ungerer vom glossendienst. Die Jurymitglieder kommentierten ihre Entscheidung mit Erleichterung: "Endlich konnten wir den Preis in der Hauptstadt halten!" In den beiden Vorjahren hatten jeweils Autoren der in Hamburg erscheinenden "Financial Times Deutschland" den Segen erhalten.
> Laudatio
> Prämierte Glosse "Terror und Widerstand"
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Den "Segen 09" erhielt "Zeit"-Redakteur Tillmann Prüfer für seine Glosse über den Diderot-Effekt, veröffentlicht in seiner Kolumne "Nichts als die Wahrheit" in der Financial Times Deutschland am 6. März 2009. In der Endausscheidung setzte Prüfers Glosse sich gegen Texte von Thomas Bärsch (Sächsische Zeitung), David Hugendick (zeit.de), Peter Jungblut (BR Bayern 2),
André Mielke (Welt am Sonntag), Marko Ramic (redaktionzukunft.de), Roland Rischawy (Frankenpost), Marc Schürmann (FTD) und Jörg Staiber (Nahe Zeitung) durch. Diese hatte eine Vorjury aus 115 Einsendungen ausgewählt. Jurypräsident mit doppeltem Stimmrecht war Martin Sonneborn (Titanic-Mitherausgeber, Leiter des Satireressorts bei Spiegel Online), ihm zur Seite saßen Susanne Berkenheger und Klaus Ungerer vom glossendienst. Die Jurymitglieder
kommentierten ihre Entscheidung mit Entsetzen: "Schon wieder FTD, wie sieht denn das aus!". Bereits im Vorjahr hatte mit Marc Schürmann ein FTD-Autor den "Segen 08" erhalten.
> Laudatio
> Prämierte Glosse über den Diderot-Effekt
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Den "Segen 08" erhielt Neon-Redakteur Marc Schürmann für seine Glosse "Rangelow fragt ja keiner", veröffentlicht in der Financial Times Deutschland am 27. Oktober 2008. In der Endausscheidung setzte Schürmanns Glosse sich gegen Texte von Thomas Bärsch (Sächsische Zeitung Online), Christian Bartel (taz), Jörg Thomann (FAS), und Mario Ulbrich (Freie Presse Chemnitz) durch, die von einer Vorjury aus knapp 100 Einsendungen ausgewählt worden waren. Jurypräsident mit doppeltem Stimmrecht war Martin Sonneborn (Titanic-Mitherausgeber, Leiter des Satireressorts bei Spiegel Online), ihm zur Seite saßen Susanne Berkenheger und Klaus Ungerer vom glossendienst. Die lustvoll befürchtete Pattsituation mitsamt nachfolgender Zerwürfnisse innerhalb der Jury blieb leider aus: Marc Schürmanns Glosse wurde einstimmig gewählt.
> Laudatio
> Prämierte Glosse: "Rangelow fragt ja keiner"
Mai 2009
Uns fragt auch keinerLaudatio auf Marc Schürmann zum Segen 08
Mit "Rangelow fragt ja keiner" vollführt Marc Schürmann ein Kunststück: Er klaubt ein Fußballthema vom zertretenen grünen Acker auf und wendet es in eine elegante, erbauliche und warmherzig erzählte Medienglosse, über die selbst Fußball-Laien lachen können. Warum? Weil sein Text zielsicher ins schwarze Herz unserer Welterkenntnis sticht: In der Causa Frings, jenem absurden, über Interviews und Pressekonferenzen ausgetragenen Streit zwischen Michael Ballack und Joachim Löw, erkennt Schürmann sein Thema und arbeitet es mit Fantasie und Witz heraus: Was, wenn ein vergleichbarer Streit zwischen Angestellten des Provinz-Bundesligisten Energie Cottbus ausbräche, dort also, wo kein größeres Medium freiwillig sein Mikrofon reinhalten würde? Der Streit bliebe unbemerkt. Und also unausgetragen. "Stellen Sie doch den Sörensen wieder auf", wendet sich Kapitän Rangelow in Schürmanns Fiktion an seinen Trainer, bekommt die wunderschöne Antwort "Meine Sache", worauf Rangelow quittiert: "Okay." Und damit ist der Streit dann zu Ende. Und wir bemerken es noch nicht mal. Das Ereignis hat also gar nicht stattgefunden. Oder, wie Schürmann es ausdrückt: "Dimitar Rangelow wird von der FAZ nicht angerufen, es sei denn, diese sucht neue Abonnenten." Indem Schürmann die Abseitigkeit des Cottbusser Alltags in vornehmer Sachlichkeit schildert, gelingen ihm nicht nur hübsche Szenen - diese erhellen auch, aus der Fiktion heraus, unsere Wirklichkeit: Wir erfahren nur, was in den Medien steht. Wer zu uns sprechen darf, wer ihm ein Forum bietet und was das Forum aus ihm macht - darauf haben wir braven Medienkonsumenten nicht den mindesten Einfluss. Vielleicht würden ja auch wir gerne einmal eine Streitigkeit über die Medien austragen. Aber: Uns fragt halt auch keiner. Also bleibt uns nur dieser Weg in die Öffentlichkeit: Marc Schürmann für seine schöne Glosse den „Segen 08" für die beste Nachrichtenglosse des Jahres zu erteilen.
"Segen 08"-Jury:
Martin Sonneborn (Jurypräsident)
Susanne Berkenheger (glossendienst)
Klaus Ungerer (glossendienst)
Mai 2010
Lob der AbschweifungLaudatio zum Segen 09
In einer nicht gar zu fernen Zukunft wird Tillmann Prüfers Glosse über den Diderot-Effekt als Lehrstück nicht nur für nachwachsende Glossenschreiber, sondern überhaupt für Journalisten gelten. Prüfer nämlich führt einige der wichtigsten Tugenden vor, über die ein solcher Kollege verfügen muss. Erstens: Muss er neugierig sein. Zweitens: Muss er sich, wenn der Moment dazu mal gekommen ist, angstfrei auch noch der wildesten Abschweifung anheimgeben. Drittens: Muss er erkennen, wenn er sein Thema völlig aus den Augen verloren, dafür aber ein neues, viel besseres Thema gefunden hat. Das gelingt den wenigsten. Manch einer hätte sein Wissen bereits zu Beginn der Recherche im Kopf und fände also auch nichts außer all den vorgefassten Sätzen, die sich in seinen Gehirnwindungen eh schon ihre Serifchen wundgelaufen haben. Prüfer aber, auf der Suche nach dem Diderot-Effekt, der irgendwo im Blätterwald vorbeigehuscht sein mag, stößt auf ein ganz anderes, nicht minder faszinierendes Phänomen und folgt ihm weit, sehr weit... um schließlich, eine große Runde gedreht habend, überraschend doch am vereinbarten thematischen Treffpunkt wieder aufzutauchen. Den Leser aber fliegt die Weisheit an: Oft lohnt es sich, einen Umweg zu gehen, ziellos daherzuschlendern durch den Moloch der blitzenden, blinkenden, hupenden und tutenden Nachrichtenwelt. Und so hübsch ist Prüfers Geschichte erzählt, dass wir uns um die Frage nach wahr oder unwahr noch viel weniger bekümmern mögen als bei all den Meldungen, Kommentaren, Studien und Expertendarbietungen, mit denen wir tagtäglich sonst so beschossen werden.
"Segen 09"-Jury:
Martin Sonneborn (Jurypräsident)
Susanne Berkenheger (glossendienst)
Klaus Ungerer (glossendienst)
April 2011
Lob des WiderstandsLaudatio zum Segen 2010
Im Zeitalter der medial getragenen Verlautbarungspolitik ist es ratsam, genau das zu tun,
was die Medien üblicherweise nicht mehr tun: Innezuhalten. Sacken zu lassen. Nachzudenken:
Was hat der da eigentlich gerade gesagt? Man kommt zu erschütternden Erkenntnissen dabei, und oft drängt sich die Vermutung auf, dass der Nachrichtenwert der Nachricht irgendwo auf dem Weg von Bundespressekonferenz zu unserem Sofa verpufft sei. Die Wahrheit aber lautet ja: Da war nie ein Nachrichtenwert! Wie gut, dass wir da inmitten der journalistischen Spökenkieker und Sauentreiber auch ab und zu mal einen Glossenschreiber wie André Mielke zu lesen bekommen. Der lässt sich vom bizarren Schauspiel regierungsseitlicher Irgendwie-Terrorwarnung nicht weiter beeindrucken, er sucht nicht hektisch nach Ausdeutungen und Geheimdienstinformationen zum Thema. Viel lieber nimmt er sich vor, was da eigentlich gesagt worden ist: Nämlich nichts. Lust- und liebevoll malt er das Mitteilungsvakuum aus, das der Innenminister uns beschert hat und schmuggelt in die Zeitung ein, was in den Politikerverlautbarungen längst nicht mehr vorkommt: die Ebene der echten Welt hier unten. Es ist eine Welt mit Menschen drin: die real existierenden Regierten, mit all ihren charakterlichen Kleinmängeln und den Nickligkeiten in Benimmfragen, die angesichts regierungsverordneter Schreckstarre erst mal lieber nur mit den Schultern zucken. Selten hat man bunter und lustiger aufgeblättert bekommen, welche Leerstellen das Regierungshandeln meist lässt: die Menschen da unten, die das ganze Gequatsche selbst dann noch auszubaden haben, wenn es ganz ohne Inhalt daherkommt. Die Jury des "Segen 2010" dankt André Mielke für "Terror und Widerstand"!
"Segen 2010"-Jury:
Georg Behrend (SPAM)
Susanne Berkenheger (glossendienst)
Martin Sonneborn (SPAM)
Klaus Ungerer (glossendienst)
Rangelow fragt ja keinerVon Marc Schürmann
(Financial Times Deutschland, 27. Oktober 08)
Von Vereinen, die trotz hartnäckiger Schwächen beim Fußballspielen noch in der Bundesliga sind, heißt es oft, ihr Trumpf sei die mannschaftliche Geschlossenheit. Und ihre Übereinkünfte, über alles zu reden, aber nur intern. Das stimmt. Würde zum Beispiel der Cottbusser Dimitar Rangelow, am Samstag zweifacher Torschütze gegen Frankfurt, Trainer Bojan Prasnikar zur Rede stellen und sich beschweren, dass sein Sturmpartner Sörensen nur Einwechselspieler war, dann liefe der Dialog wohl so ab: „Stellen Sie doch den Sörensen wieder auf." - „Meine Sache." - „Okay." Aber bestimmt nicht so: „Wenn man einen nicht mehr will, sollte man das ehrlich ansprechen. Respekt und Loyalität ist doch das Wenigste, was man als verdienter Cottbusser erwarten kann." - „Ich lasse mir grundsätzlich nicht reinreden. Aber ein Gespräch wird es jetzt geben. Nicht erst in ein paar Tagen, sondern sehr zeitnah." - „Ich freue mich, dass Sie wieder den Dialog mit mir suchen." - „Das kann ich mir nicht gefallen lassen." - „Ich werde mich in kürzester Zeit mit Ihnen zusammensetzen, sobald es mein Gesundheitszustand zulässt, und werde mich für mein Verhalten bei Ihnen entschuldigen." Also, ein Plus für die mannschaftliche Geschlossenheit.
Und doch ist sie ein Mythos. Denn man darf unterstellen, dass Führungsspieler kleinerer Vereine gern mal einen Streit über die Medien austragen würden, so wie die oben zitierten Herren Ballack und Löw - nur wie? Dimitar Rangelow wird von der „FAZ" nicht angerufen, es sei denn, diese sucht neue Abonnenten. Ruft Rangelow die „FAZ" an, heißt es nur, ohne Abonummer könne man ihm nicht helfen. Rangelow kann sich an die „Lausitzer Rundschau" wenden. Sie wird Rangelows Meinung vermutlich veröffentlichen, doch das verpufft, wenn Prasnikar die „Lausitzer Rundschau" nicht liest. Ist die Wut auf den Trainer groß genug, könnte sich Rangelow noch in die Innenstadt von Cottbus stellen und seine Ansichten in eine Megafon brüllen. Aber aufgepasst: Cottbus hat bloß 102 000 Einwohner, und gerade einmal ein Siebtel der kommunalen Fläche ist bebaut.
Bleibt ihm also nur, Meinungsverschiedenheiten intern anzusprechen. Zurzeit bringt auch das nichts, sein Verein ist Letzter. Wenigstens gehören Cottbus, wie auch anderen kleinen Mannschaften, unsere Sympathien. Jetzt wissen wir auch, warum: Wir hören nichts von ihnen.
Nichts als die WahrheitVon Tillmann Prüfer
(Financial Times Deutschland, 6. März 09)
Ich wollte eine Kolumne über den
Diderot-Effekt schreiben. Leider
wusste ich nichts über Diderot. Also
tippte ich den Namen bei Google
ein. Leider schrieb ich ihn falsch,
sodass Google nichts finden konnte,
aber mich fragte: "Meinten Sie:
'marder tot'?" Das ist
bemerkenswert - Google findet es
wahrscheinlicher, dass jemand
einem kleinen Raubtier nach den
Leben trachtet, als dass er etwas
über französische Aufklärung
wissen will. Allerdings bietet das
Internet einen großen
Wissensschatz zur
Mardereliminierung: Wenn Marder
in den Motorraum eines Autos
eindringen, um dort Schläuche
anzunagen, hilft
es nicht, Ultraschallgeräte im Auto
anzubringen. Auch den Motorraum
mit Marder-Schreck-Spray zu
verpesten, ist keine effektive
Methode. Unter Mardermördern gibt
es dagegen Anhänger von
schweren Schlagbügelfallen. Stattet
man sein Auto damit aus und lockt das Tier mit einem
rohen Ei, dann hat man eine
Chance, es zu erlegen. Aber freilich
gibt es bessere Vorgehensweisen.
Man muss nur eine große
Metallplatte kaufen,
das Auto darauf parken und das
Ganze an eine Steckdose
anschließen. Der Königsweg, erfuhr
ich, sei aber, das Auto mit
Scheinwerfern zu umstellen und
einen Bewegungsmelder
anzuschließen. Sobald sich der
Marder nähert, wird er durch einen
1000-Volt-Blitz schockiert. Der
Diderot-Effekt, erfuhr ich später, ist,
wenn
ein neuer Einrichtungsgegenstand
seine Umwelt so sehr beeinflusst,
dass man große Umbauten
vollziehen muss, damit das
Gesamtbild wieder stimmig wird.
Also etwa das, was passiert, wenn
ein Marder in eine deutsche Garage
einzieht.
Terror und WiderstandVon André Mielke
(Berliner Zeitung, 22. November 2010)
Dies ist ein wichtiger Hinweis für Menschen, die mit offenem Mund kauen, sodass jeder die Nahrungsfragmentierung mitverfolgen kann; für Menschen, die Barthaare im Waschbecken hinterlassen; die bei Facebook sofort auf "gefällt mir" klicken, wenn der Chef etwas eingestellt hat; die an der Bushaltestelle sitzen und permanent ihren Speichel auf dem Boden verteilen; die jeden Satz mit den Worten "im Grunde genommen" beginnen; die mit der Klobürste die Badewanne schrubben; die Milch direkt aus dem Tetrapak trinken, den sie dann wieder in den Kühlschrank stellen; die die Badschränke fremder Leute inspizieren; die mit dem Buttermesser ins Marmeladenglas langen und dort Fett-Inklusen hinterlassen; die Erdgeschossbewohnern in die Fenster starren; die beim Fußball zu einem Fan sagen: "Der Bessere soll gewinnen."
Der wichtige Hinweis an diese Menschen lautet: Sehen Sie einstweilen davon ab, Ihre Verhaltensweisen zu ändern. Hören Sie nicht auf Ihre Partner, Freunde und Kollegen. Hören Sie auf den Bundesinnenminister. Der hat alle Deutschen aufgefordert, angesichts der veränderten Sicherheitslage ihre bisherigen Lebensgewohnheiten demonstrativ beizubehalten. Und eins noch, speziell an den Autofahrer, der da gerade versucht, mit dem Zeigefinger durchs Nasenloch sein Großhirn zu erreichen: Sie tun es jetzt nicht mehr aus Selbstvergessenheit. Es ist Ihr Kampf gegen den Terror.
Der "Glossenkönig" ist das höchste Amt, das der glossendienst zu vergeben hat. Alljährlich am 15. August wird eine Person des öffentlichen Lebens berufen, die sich in den abgelaufenen zwölf Monaten besondere Verdienste um die Nachrichtenglosse in Deutschland erworben hat. Der Glossenkönig regiert sein Reich mit Hilfe von elf hochwertigen Zuckerstangen, die dem Regenten von uns übermittelt werden.
Glossenkönig 2011 ist der tragikomische Freiherr der Herzen, Karl-Theodor usw. zu Guttenberg
> Laudatio
> Beispiel-Fotostrecke: Das rastlose Arbeitsleben des KT
Glossenkönig 2010 war der tapfere Außenminister der Bundesrepublik Deutschland, Dr. Guido Westerwelle
> Laudatio
> Online-Umfrage: Was soll aus Westerwelle werden?
Glossenkönig 2009 war der stets gut gelaunte Alt-Theologe Joseph Ratzinger, Papst Benedikt XVI.
> Laudatio
> Beispiel-Fotostrecke: Benedikts ganz privater Pilgerbericht (Exklusiv! > Mit Brüsten!)
Glossenkönig 2008 war der wackere Bundesminister für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung sowie Beauftragter der Bundesregierung für die neuen Bundesländer, Wolfgang Tiefensee.
> Laudatio
> Beispielglosse: Crash! Kawumms!
Glossenkönig 2007 war der unerschrockene Präsident der Russischen Föderation, Vladimir Putin.
> Laudatio
> Beispielglosse: U-Politik
Glossenkönig 2006 war der unverzichtbare Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bahn AG, Hartmut Mehdorn.
> Laudatio
> Beispielglosse: Johlen für Mehdorn
15. August 2006
Die Seele im RangierbahnhofLaudatio auf den Glossenkönig 2006, Hartmut Mehdorn
Das Menschliche in der großen Politik und in den großen Nachrichten aufzuspüren, ihm gebührenden Platz einzuräumen - ist die vornehmste Aufgabe der Glosse. Oft muss sie dazu die Nachrichten nachbessern, oft ein Menscheln erfinden, welches der Kühle der Vorgänge nicht innewohnt, oft harsche Politik in eine ungenannte Privatsphäre herunterbrechen, um dem Moloch der Nachrichtenerzeugung einen kleinen, feinen, heiteren Text abzugewinnen. Dröges Zeug muss aufgepeppt werden; Ungerechtigkeiten müssen verklart; davongaloppierte Äußerungen müssen eingefangen und gezähmt werden, um sie vorführen zu können. Viel geföntes Volk tritt täglich vor die Kameras und muss von seinen verkanteten Verlautbarungen entfernt werden, damit immerhin die noch für den Funkenschlag der Pointen sorgen können - ganz anders ist es bei Hartmut Mehdorn.
Nicht umsonst hat der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bahn AG in den vergangenen 200 glossendienst-Glossen regelmäßig eine prominente und zugkräftige Rolle gespielt - für einen Wirtschaftsführer eine beachtliche Leistung. Immer haben wir Hartmut Mehdorn dabei als unseren Verbündeten empfunden im Kampf gegen das allzu Gelackte, gegen das allgemeine, windschnittige Funktionieren, welches etwa die Medienprotagonisten der großen politischen Parteien auszeichnet: Angeglichen ans Gros, stets auf Zustimmung schielend, versehen sie ihren Dienst, indem sie mit Äußerungen und Anregungen hervorprangen, die von ihren Referenten stammen und an die sie sich in acht Wochen nicht mehr erinnern werden - pah. Ist auch oft das Gesagte komisch oder absurd, taugt es oft auch als Glossenkatalysator - so sind seine Sprechblasen- träger doch gar zu bald vergessen.
Wie froh ist man da, dass es einen wie Hartmut Mehdorn gibt: Frei und ungebunden im Denken, wirft er sich mit dem vollen Gewicht seiner stürmischen Persönlichkeit in die Waagschale der Debatten und Verrichtungen: Ob es ihn mit der ganzen Urgewalt seiner großen Seele nach Hamburg ans Meer zieht und den ganzen Konzern gleich mit hinterher - selbst wenn's nicht klappt -; ob er eigenhändig gigantische Bauprojekte nach eigenem architektonischen Gusto verschneidet; ob er mit viel zu selten erlebter Euphorie enorme Summen Geldes in die große Idee eines Fußballturniers hineinballert - stets ist Hartmut Mehdorn ein Vorbild als Mensch und Glossenfigur. Viel öfter wünschte man sich einen wie ihn: einen, der noch mit echter Freude an seinen Träumen hängt, einen, der kleinliche Beraterbedenken großzügig wegwischt, ehe er sich vors nächste Mikrofon stürzt oder in Tageszeitungen Artikel über sich selbst verfasst: In Hartmut Mehdorn würdigen wir einen der letzten Verbliebenen, deren Eingebungen noch waghalsig und authentisch sind und sich so wohltuend abheben von den Eingebungen, die in den Denkfabriken und Hinterzimmern der Macht von Namenlosen zusammengezimmert werden. Hartmut Mehdorn, der Glossenkönig des Jahres 2006, steht für ein Stück Menschlichkeit im täglichen, oft viel zu reibungslos funktionierenden Rangierbahnhof der Nachrichten.
Johlen für Mehdorn(Saarbrücker Zeitung, 30. Juni 2006)
Super Stimmung in knackevollen Zügen! Feiernde Fans lassen sich von Bahnbediensteten Knöpfe annähen, übernachten bei Zugausfällen laut singend in Luftschutzbunkern und verteilen vor Glück zigtausende Bananen. Verlautbart die Bahn AG. Und: „Wir wollen die gute Stimmung erhalten." Sagt Bahnchef Mehdorn. Deshalb halte sich die Bahn mit Fahrkartenkontrollen „vornehm zurück". Ja, was! Wurde etwa bisher nur wegen der miesen Stimmung kontrolliert? Na, also das ist ja ... Miese Stimmung? Gibt’s nicht mehr - ab sofort. Ab sofort schiebt jeweils der Dümmste eines vor sich hin dösenden Waggons Wache - auf dem Flur. Taumelt jetzt ein Kontrolleur heran, so ruft die Waggonwache der Dämmergesellschaft zu: „Stimmung, Leute, Stimmung!" Und alles rappelt sich auf. Johlt. Zerrt Fahnen hervor. Lässt Dosen zischen. Zur Ankunft des Kontrolleurs werden diverse Nationalhymnen geschmettert, dazu „Bahn-A-G! Bahn-A-G!", „Es gibt nur ein’ Hartmut Mehdorn" und „Berlin! Berlin! Wir fahren nach Berlin-Hauptbahnhof!" Versteht der Kontrolleur diese dezenten Hinweise nicht und fragt trotzdem nach Tickets, so schallt es ihm entgegen: „Merkst du denn gar nichts? Hier ist grad super Stimmung. Tröööt." Charmante weibliche Fans rücken ihm mit Schminkstiften zu Leibe: „Und viele Grüße an Ihren lieben, lieben Chef." Benommen stolpert der Bahnmann weiter, hinaus in den Gang, wo er tippt: „Melde gehorsamst den 4023sten Stimmungskanonen- waggon seit WM-Beginn. Herzlichst. Ihr Kontrolleur R." Da hat er plötzlich das eigenartige Gefühl, es sei hinter ihm ganz still geworden. Soll er mal nachgucken? Ach, lieber nicht. Wo der Chef doch grad so gut drauf ist.
15. August 2007
Der Cowboy von MoskauLaudatio auf den Glossenkönig 2007, Vladimir Putin
Als Berufspolitiker noch überraschen zu können - wem ist es vergönnt? Wer noch kann sich freimachen vom Beraterstab, von Umfragewerten, von demokratischer Weichgespültheit; wer also kann für den richtig glossenträchtigen Nachrichtenkracher sorgen? In Deutschland kann man da lange suchen. Richtige Potentaten sind so selten bei uns.
Um so glücklicher und dankbarer sind heimische Glossenleser, dass es am Rande Europas noch jemanden gibt, der alle Betulichkeit gern mal in den Wind schlägt und echte Westernfreiheit im Osten wiederbelebt: Vladimir Putin, Präsident der Russischen Föderation. Nur einer wie er, mächtig und scheinbar unabwählbar, kann sich heutzutage noch offen zum Frauennichtverstehen bekennen, zu feudalem Gutsherrngebaren, zu Abenteuerlust und Draufgängertum als Mittel der Politik im dritten Jahrtausend.
Regelmäßig ist der Präsident in den letzten Jahren glossenkundig geworden, und immer geschah es zur Freude unserer Leser. Wie er die Bundeskanzlerin lobte, sie könne zuhören, und: „Das ist bei Frauen, insbesondere bei Politikerinnen, eine seltene Eigenschaft"; wie er ihr beim Fototermin seine bullige Labradorhündin Koni auf den Leib schickte; wie schließlich unter seiner Ägide das stolze Russland ein neues Zeitalter des weltpolitischen Husarentums eröffnete, indem es in tiefster Tiefsee eine russische Fahne ins ewige Dunkel versenkte, in der Hoffnung auf Bodenschätze und weitere Klimaerwärmung - das macht dem Putin im Ernst keiner nach. Das macht Politik transparent, unterhaltsam und fernsehtauglich, da tut einer was für seinen gesamten Berufsstand. Und für den des Glossenschreibers gleich mit. Kein geeigneterer Nachfolger für den scheidenden Glossenkönig Hartmut I. Mehdorn ist denkbar als Vladimir I. Putin. Wir freuen uns auf weiterhin gute Zusammenarbeit.
U-Politik(Weser Kurier, 27. Juli 07)
Schon länger ist Russland von der fixen Idee beseelt, der Nordpol sei russisches Territorium und es könne mit den dort vorhandenen Öl-, Gas- und sonstigen Vorkommen unermesslich reich werden. Weil diese Idee aus naheliegenden Gründen außerhalb Russlands nicht so viele Anhänger findet, haben sich die Russen jetzt aufgemacht, um direkt am Nordpol ein Loch ins Eis zu brechen und dann - in 4500 Meter Tiefe - mitten in die immerwährende Nacht der Tiefsee eine natürlich etwas schwer sichtbare Flagge zu setzen - aber immerhin halt „als Erste" (Expeditionsleiter Artur Tschilingarow). Außerdem wollen sie dort Gesteinsbrocken bergen, die haargenau so aussehen wie Gesteinsbrocken aus Russland. Das wär’ dann der Beweis. Für die Russen. Andere wiederum, wie der britische Geologe Ted Nield, wiesen schon dezent darauf hin, dass dort unten doch vieles zusammenhinge und dass deshalb mit demselben Argument auch Kanada ganz Russland und Eurasien als kanadisches Territorium reklamieren könne. Deshalb wäre es für die Russen jetzt schon ganz gut, wenn sie bei ihrer Expedition noch ein paar andere Indizien mit raufbrächten. Vielleicht Zeugnisse russischer Kultur auf dem arktischen Meeresboden: wodkaabsorbierendes Plankton oder ein Tiefseefisch, der auf Russisch morst. Oder sie entdecken eine geheimnisvolle Grabanlage mit einer Mumie drin, welche sich nach einem Gentest als Urururururururururururururahn Vladimir Putins erweist. Das gäbe dem russischen Vorstoß etwas mehr Gewicht. Ansonsten hilft nur aggressive Siedlungspolitik. Viel Glück dabei! Die ersten Jahrzehnte am Meeresboden werden sicher anstrengend.
15. August 2008
Das Gesicht im FilzLaudatio auf den Glossenkönig 2008,
Wolfgang Tiefensee
In Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee wollen wir heute die Menschlichkeit selber würdigen, das solidarische Prinzip, wie es zwischen den Klüften und Verwerfungen der hohen Politik immer noch unsichtbare Fäden von Mensch zu Mensch zu spinnen sich bereit findet. Wie oft wird nicht das kapitalistisch-demokratische System verkannt als eine monströse Maschinerie, in der mächtige Interessen und allgegenwärtige Korruption den einzelnen, kleinen Menschen zu verschlingen trachten? Wie oft hat man sich nicht schon kopfschüttelnd gefragt, wie dieser oder jener in sein staatswichtiges Amt gerutscht sein mag, welche Proporzabsprache aus Partei- und Landespolitik nun wieder hinter seiner Berufung stehen mag?
Wolfgang Tiefensee, und das ist kein geringes Verdienst, gibt all dem undurchschaubaren, undurchsichtigen, unpersönlichen Getriebe ein Gesicht, inmitten großer Filzlandschaften erscheint er immer wie einer von uns: irgendwie ahnungs- und arglos dort hineingeraten; selber niemals so ganz klar darüber, welcher Einfluss es nun wirklich ist, der hinter seiner letzten Entscheidung gestanden haben mag: So knickt er bei russischen Erpressungsmanövern gegenüber der Lufthansa ein, so empfiehlt er - vielleicht sogar aus ehrlicher, lauterer Terrorpanik -, Hartz-IV-Empfänger als Zugbegleit-Sheriffs einzusetzen, so nimmt man ihm, dem immerhin knapp elf Prozent der eigenen Mitarbeiter in einer Umfrage gute Führungsqualitäten bescheinigt haben, einfach jede Unbeholfenheit ab: An dem Tag, da er ein entschlossenes, hoch amüsantes Anti-Stau-Programm ankündigte, war ihm sicher wirklich nicht klar, dass er mit seiner revolutionären Idee mitten in die Halbzeitpause des EM-Finales als Top-Meldung hineinstoßen würde!
Wolfgang Tiefensee, der als Schüler große Begabung im Cellospiel erkennen ließ, er ist dem "glossendienst" über die Jahre zu einem unverzichtbaren Mitstreiter geworden, einer von denen, die nie die ganz große Politik machen, aber immer gerne mal gute Miene machen, wo sie das böse Spiel nicht ganz kapiert haben - das macht ihn so unwiderstehlich, so menschlich. Und wie sollte eine gute Glossenfabrik ohne Menschlichkeit funktionieren? Wir sind stolz und glücklich, Wolfgang Tiefensee (SPD) als Glossenkönig Wolfgang I., Nachfolger Vladimirs I. Putin, ausrufen zu dürfen. Möge er das Reich der Glossen ein Jahr lang mit Milde beherrschen!
15. August 2009
Im Stadtstaat des senilen LächelnsLaudatio auf den Glossenkönig 2009,
Papst Benedikt XVI.
Froh und erhoben fühlt sich der "glossendienst", da er das Amt des Glossenkönigs für die kommende Legislaturperiode seinem rechtmäßigen und natürlichen Inhaber überantwortet: Endlich einmal, nach tollen und spannenden Jahren unter Regenten aus dem Politik- und Wirtschaftsleben, wird von nun an das Reich der Glossen von einem renommierten Wissenschaftler regiert: dem versierten, mit allen Wassern der Exegese gewaschenen Alt-Theologen Joseph Ratzinger, besser bekannt unter seinem Clansnamen: Benedikt XVI.
In den heiteren, wechselvollen und stets überraschenden Jahren seit "glossendienst"-Gründung 2005 haben wir die unterschiedlichsten, auf je eigene Weise hoch charmanten Typen als Glossenkönige erleben dürfen: Einem Haudrauf-Regenten wie Vladimir I. Putin folgte das Modell "Ahnungsloses Politik-Opfer" Wolfgang I. Tiefensee, und nie vergaß man darüber den Klassiker des hemdsärmligen Realitätsverächters auf dem Thron: Hartmut I. Mehdorn.
Freudig überrascht sehen wir nun, wie ein Glossentalent historischen Ausmaßes nun all diese Charaktere zu überstrahlen sich anschickt: In Benedikt XVI. gilt es einen "glossendienst"-Zuarbeiter zu würdigen wie er schöner nicht hätte gemalt werden können: Mit einer Leichtigkeit, die sich aus Jahrzehnten intensiven Trainings speist, gibt Benedikt XVI. den Narren auf dem Thron, gibt er der Weltöffentlichkeit eine feinjustierte, greisenhafte Kindlichkeit zu kosten, die alle bisherigen Spielarten uriger Selbstherrlichkeit noch in den Schatten stellt: Immer gut gelaunt, stellt er sich arglos und schwerhörig, wenn der nächste Skandal in die Welt gesetzt worden ist, niemals ist er für kritische Nachfragen erreichbar, und selbst noch die subordinierten Sprecher, die er vorschickt, fallen mit großen runden Augen aus allen Wolken: Wiiieee? Waaaas? Sagen die runden Augen. Von geistigen Rückfällen ins Mittelalter, wie Benedikt XVI. sie in Reden und Personalentscheidungen konsequent auszutragen pflegt, kann doch gar keine Rede sein! Alles, alles ist missverstanden worden! Und selig lächelt der gute Greis von den Bildern. Freundlich nickend ziehen seine Herolde sich zurück in ihre hehren Gemäuer. Und wieder einmal ist Hardcore-Politik durchgepaukt im Stadtstaat des senilen Lächelns.
Wir vom "glossendienst" können nicht anders als unsere Käppis zu ziehen vor der Chuzpe und der Konsequenz, mit der der Papst seine Rolle durchhält, und als Freunde allen bizarren Verhaltens sagen wir: Danke! Ganz sicher wird unser neuer Glossenkönig, Benedikt I., auch im Jahr seiner Regentschaft die große Fallhöhe des menschlichen Geistes aufzuzeigen wissen, wird er ein vertattertes Auftreten über retrograde Entscheidungen von enormer Krassheit zu setzen wissen: Kontraste von großer Anmut sind uns sicher, die wir brauchen, um hochprozentige Glossen produzieren zu können. Glossenkönig Benedikt I., lass' er sich zurufen: Auf weiterhin gute Zusammenarbeit! Und lächle er ganz ahnungslos dabei.
15. August 2010
Witzvorleger aus LeidenschaftLaudatio auf den Glossenkönig 2010,
Dr. Guido Westerwelle
Für das Glossen- und Witzwesen in Deutschland hat die Bundestagswahl 2009 einen massiven Impuls gebracht. Kuriose, halbseidene, unbeholfene Gestalten, die man bis dahin für reine Sidekicks gehalten hatte, erstürmten jetzt die politische Bühne und besetzten reihenweise Ämter, die sich dagegen nicht wehren konnten. Wohin man auch schaute, menschliche Skurrilität trieb ihre buntesten Blüten: Kindisch radebrechende, rundum überforderte Herren beherrschten ein Land, dem man lange Zeit ein zu verbiestertes Image hatte anhängen wollen. Wer sollte Deutschland jetzt noch gar zu ernst nehmen wollen?
In den heiteren, wechselvollen und stets überraschenden Jahren seit "glossendienst"-Gründung 2005 haben wir die unterschiedlichsten, auf je eigene Weise hoch charmanten Typen als Glossenkönige erleben dürfen: Einem Haudrauf-Regenten wie Vladimir I. Putin folgte das Modell "Ahnungsloses Politik-Opfer" Wolfgang I. Tiefensee, und nie vergaß man darüber den Klassiker des hemdsärmligen Realitätsverächters auf dem Thron: Hartmut I. Mehdorn.
Wir, als Volk und als glossendienst, fühlen uns der neuen Regierung und namentlich der in ihr enthaltenen Partei FDP, und namentlich der ihr vorstehenden liberalen Persönlichkeit tief verbunden. Und so konnte es in diesem Jahr zu keiner Debatte kommen, als es darum ging, den Glossenkönig 2010 zu küren. Niemand sonst in Wirtschaft, Sport, Kultur oder Politik hat im abgelaufenen Jahr einen derartigen Anschub der Witzproduktion in Deutschland und im glossendienst bewirkt wie der Vorsitzende der Freien Demokratischen Partei und Außenminister der Bundesrepublik Deutschland, Dr. Guido Westerwelle.
Bestätigt fühlen wir uns durch eine repräsentative glossendienst-Umfrage, an der über achttausend SPAM-Leser auf spiegel.de teilnahmen und die durchgängig der Meinung waren: Dieser Mann braucht einen NOCH wichtigeren Posten. So trauten ihm 18,5% der Befragten zu, als "Wellenbrecher vor Westerland" zu fungieren, 11% wünschten ihn sich schon als "Bundeskanzler - aaaahahahahaHAAAA!!! Hihi...", stolze 22,1% aber sahen Dr. Westerwelle bereits auf über-internationalem Level agieren und meinten: "Deutschlands Beziehungen zum Merkur schwächeln - er könnte dort Botschafter werden."
Wir vom glossendienst sind froh, einem Manne wie diesem nun das höchste Amt übertragen zu können, das uns zur Verfügung steht: "Glossenkönig 2010" wird hiermit (und wir sind stolz auf dich, Jungchen): Dr. Guido Westerwelle!
15. August 2011
Young Shatterhand lebe hoch!Laudatio auf den Glossenkönig 2011,
Karl-Theoder zu Guttenberg
Er hat uns gerettet. Denn wer, so hatten wir vor einem Jahr gebibbert, sollte wohl 2011 in die mächtigen Fußstapfen treten, die unser scheidender Glossenkönig Guido I. Westerwelle hinterlassen wird? Wer, so zweifelten wir, könnte sich wohl ähnlich profunde Verdienste um die Nachrichtenglosse erwerben? Es schien menschenunmöglich. Dabei lag die Lösung so nah. Ein ohnehin schon überragendes Talent hat in diesen zwölf Monaten zu einer Hochform gefunden, die ihn das Pointenwesen in Deutschland über Wochen, ach was Monate beherrschen ließ: Karl-Theodor usw. zu Guttenberg.
Dieser hoch engagierte, Funken sprühende Witzlieferant hat uns seit seinem ersten Auftauchen auf der bundespolitischen Bühne bezaubert. Mit unerschöpflicher Kreativität hat er die klassische Rolle "Politiker" - die wir für längst ausgereizt hielten - in immer neuen, bunten Facetten erglänzen lassen. Die dominierende Rolle im Witzbusiness, die Guttenberg Anfang dieses Jahres an sich reißen konnte, ist dabei keiner bloßen Laune der Medienwelt geschuldet. Über Jahre hat Karl-Theodor usw. zu Guttenberg darauf hingearbeitet. Seit seinem ersten Auftreten als Politikerdarsteller hat Young Shatterhand sich stets traumwandlerisch glossenaffin zu inszenieren gewusst.
Ob er nun gleich nach Amtsantritt in der Rolle "Wirtschaftsminister" nach New York flog, um sich dort ablichten zu lassen (und nebenher ein paar Leute von General Motors zu treffen, die sich wohl bis heute fragen, wer der Kerl eigentlich war); ob er versuchte, als Verteidigungsminister die Afghanistanmission zum Krieg und den dann zum Kostüm-Fernseh-Talk aufzumotzen, oder ob er in Kundus-Stiefeln auf einem Berliner Ball mitsamt seiner Kameras auftauchte - stets umgab ihn etwas Spielerisches, ein faktischer Unernst wohnte im zur Schau getragenen Erz-Ernst, stets strahlte aus Guttenbergs Siegerfletschen die tragikomische Grundannahme, er sei eben einfach mal gerissener als der Rest der Republik: Karl-Theodor zu Guttenberg, der die Politik vom Showwert her dachte, ebenso wie wir vom Glossendienst es tun, der Reichsverweser der Mediendemokratie, ist ein mehr als würdiger Glossenkönig 2011! Wir freuen uns, ihm diesen Titel - ohne jeden Schmu und irreversibel - verleihen zu können.
Der Talk vor Ort(Pfälzischer Merkur, 18. Dezember 10)
Viel diskutiert: das Sendeformat der Vor-Ort-Talkshow. In Afghanistan wurde eigens ein Hangar mit einem Hubschrauber, einem Panzer-Jeep und einer Drohne befüllt. War das "vor Ort" genug? Diese Szenerie hätte man ja auch zu Hause aufbauen können! Dabei sahen erste Planungen aus dem Hause Guttenberg noch vor, jeder Talkshow-Gast solle eine Panzerweste und einen eigenen Schützengraben kriegen, um von dort mit dem truppenüblichen Walkie-Talkie zu talken. Das soll am Talkmaster gescheitert sein, der auf seinem Sessel bestand.
Der nächste Vor-Ort-Talk ist in der Notaufnahme der Berliner Charité geplant: Minister Rösler und andere Gäste werden auf Liegen umhergerollt. Eine weitere Show soll in einer Arbeitsagentur stattfinden, für jeden Redebeitrag wird eine Nummer gezogen. Ein besonderes Highlight aber wird die Show mit Bahnchef Grube. Sie findet auf einem zugeschneiten Provinzbahnhof, also ohne Dach, statt. Frierend stehen die Talkgäste zusammen und warten - auf einen Zug, der niemals kommt.
Seit 1. April 2007 gehört der glossendienst zu hundert Prozent dem Medienkonglomerat
> zentralinstanz
Der „glossendienst” amüsiert sich seit Oktober 2005. Schuld
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Susanne Berkenheger:

Trägerin diverser nationaler und
internationaler Preise für Netzkunst und Netzliteratur. Wird vom „Spiegel” für
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Klaus Ungerer:

Schriftsteller mit gelegentlichen journalistischen Wortmeldungen. Erzählt im FAZ-Feuilleton regelmäßig Geschichten aus dem Strafgericht Moabit.
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2.3 Honorare
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diese Schutzsysteme jeweils auf dem neuesten Stand zu halten, soweit dies
technisch umsetzbar und zumutbar ist.
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sind Mängel und Mangelfolgeschäden, die die „glossendienst gbr” durch eine
vorsätzliche oder grob fahrlässige Pflichtverletzung herbeigeführt hat oder
wenn die „glossendienst gbr” Mängel arglistig verschwiegen hat oder aber die
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Körper oder Gesundheit aufgrund vorsätzlicher und fahrlässiger
Pflichtverletzung durch die „glossendienst gbr”. Die Gewährleistung ist zudem
bei Kauf- und Werkverträgen nicht ausgeschlossen, wenn eine
vertragswesentliche Hauptpflicht der „glossendienst gbr” verletzt wurde.
6. Hinweis
6.1 Falls keine abweichende Vereinbarung
getroffen wurde oder keine tarifvertraglichen Bestimmungen gelten, sind für
die Honorierung die Empfehlungen der Mittelstandsgemeinschaft Wort (MFJ)
anzuwenden.
7. Erfüllungsort
7.1 Erfüllungsort für die
Lieferung ist der Sitz des Beziehers.
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